Ökumene unter Franziskus
„Papstamt im Wandel?“ Was Katholiken und Protestanten darüber denken

Interessieren sich Protestanten für den Papst? Und wenn ja, was erwarten sie von ihm als Inhaber dieses Amtes? Eindrücke von einem ökumenischen Abend in Karlsruhe.

Von Brigitte Böttner

Was, wenn Martin Luther Papst Franziskus begegnet wäre? Wären die zurückliegenden 500 Jahre Reformationsgeschichte dann anders verlaufen oder hätte es das Ereignis Reformation in dieser Form gar nicht gegeben?
Eine rhetorische Frage, vielleicht für die Geschichtswissenschaft interessant; dass der leibhaftige Luther seinerzeit bekanntlich mit anderen Päpsten zu tun hatte, heißt umgekehrt indes nicht, dass die Reformation (hätte es sie gegeben), nicht auch einen anderen Verlauf hätte nehmen können. Und dass die Kirchenspaltung stattgefunden hat (und bis heute andauert), bedeutet wiederum nicht, dass sich Protestanten nicht für den Papst interessierten.

Seit Amtsantritt des Argentiniers Jorge Mario Bergoglio auf dem Stuhl Petri hat sich nämlich einmal mehr bestätigt: Auch andere christliche Kirchen und andere Religionen schauen auf den Papst, gerade den aktuell amtierenden, der sich den Namen Franziskus wählte.
„Die Ökumene im Zeichen von Papst Franziskus: Wandel im Verständnis des Petrus-Amtes?“, lautete entsprechend das Thema eines ökumenischen Diskussionsabend im Karlsruher Stadtteil Beiertheim, zu dem die evangelischen Gemeinden Matthäus und Paul-Gerhardt sowie die Evangelisch-methodistische Erlösergemeinde und die katholischen Pfarreien der Seelsorgeeinheit Alb-Südwest, St. Michael, St. Elisabeth und St. Cyriakus (Kirchengemeinde St. Nikolaus) geladen hatten.
Nach geistlich-ökumenischem Auftakt – ein katholischer Gottesdienst unter Leitung von Pfarrer Thomas Ehret im evangelischen Gemeindesaal der Paul-Gerhardt-Gemeinde mit Predigt des evangelischen Pfarrers Ulrich Löffler – kamen beim Diskussionsabend die konfessionellen Gemeinsamkeiten und Unterschiede umgehend zur Sprache: Löffler, Studienleiter für allgemeinbildende Gymnasien beim evangelischen Oberkirchenrat in Karlsruhe zeigt sich nicht nur von der medialen Wirksamkeit des Papstes beeindruckt („dadurch kommt Kirche als solches in den Blick“); bemerkenswert sei auch die Ansprache von Franziskus vor dem Kardinalsgremium vergangene Weihnachten: „Darin wird eine Grundperspektive aller christlichen Kirchen angesprochen. Humorlos, bürokratisch, ehrensüchtig – wer kennt das nicht auch in der eigenen Konfession?“
Und dann verschiedene Male, in denen der Papst Abbitte leistet, für historische Schuld, begangen von Vertretern der katholischen Kirche: für die grausamen Ketzerverfolgungen beim Besuch einer Waldensergemeinde in Rom, für die Verbrennung von Jan Hus in Richtung der böhmischen Kirche. „Wenn ich das bezogen auf das Abendmahl deute, sind das jeweils Adressen an diesbezüglich ganz anders aufgestellte Gemeinden“, so Löffler.

Franziskus lasse sich durchaus als „beliebter Papst“ bezeichnen, nicht nur wegen seiner „prägnanten Sprache“, bemerkte Johannes Mette, Pfarrer in der Seelsorgeeinheit Pforzheim und Mitglied der Ökumene-Kommission im Erzbistum Freiburg. Dennoch müsse man auch dessen Vorgänger, dem 2013 zurückgetretenen Benedikt XVI., zugute halten, „dass er damit begonnen hat, das synodale Prinzip in der katholischen Kirche zu stärken“. Und sein Rücktritt sei ein „starkes Zeichen“, so Mette: „Benedikt XVI. hat realisiert: Papstsein bedeutet Leitung wahrzunehmen, und er fand, er könne das nicht mehr.“ Daraus habe er dann die Konsequenzen gezogen. „Und es gibt auch innerkatholisch kritische Stimmen zum Auftreten und zur Amtsführung von Franziskus.“ Dass er sich nach seiner Wahl vor den auf dem Petersplatz versammelten Menschen als „Bischof von Rom“ vorgestellt und umgehend eine Synode zur Familie einberufen habe, ließen an seiner diesbezüglichen Haltung indes keinen Zweifel.

Zum ökumenischen Thema geriet das Papstamt allerdings mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und dem anschließenden Eintreten der katholischen Kirche in den ökumenischen Dialog. Eine neue Qualität bekam dieses Gespräch durch die Enzyklika „Ut unum sint“ von 1995, in der Johannes Paul II. „die kirchlichen Verantwortlichen und ihre Theologen“ der anderen christlichen Gemeinschaften zu einem Dialog über das Papstamt aufrief. Inhaltlich sollte es allerdings nicht um die biblische Begründung oder kirchliche Notwendigkeit dieses Amtes gehen (beides setzt der Papst voraus), sondern die Form seiner Praxis. Es gehe ihm darum, „eine Form der Primatsausübung zu finden, die zwar keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet, sich aber einer neuen Situation öffnet“.
Johannes Paul II. habe „realisiert, dass das Papstamt der Einheit der Kirchen wie ein erratischer Block entgegensteht“, meint der frühere Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche und langjährige Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland, Walter Klaiber. „In den jüngeren Papstschreiben findet man allerdings nurmehr Selbstzitierungen aus früheren Papstdokumenten. Warum nicht auch einmal aus der, Gemeinamen Erklärung von der Rechtfertigungslehre’, die 1999 in Augsburg unterzeichnet wurde?“

„Wir sprechen gar nicht darüber, wie wir den Papst oder das Amt abschaffen könnten“, stellte Erhard Bechtold fest, stellvertretender Dekan des Katholischen Dekanats Karlsruhe und derzeit Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Karlsruhe, der die Runde moderierte. Wie aber stehe es in der ökumenischen Diskussion um Papst und Einheit – und dem Anspruch von außen? Wenn selbst religiös uninteressierte Leute erleben, dass etwa in gesellschaftspolitischen Fragen die Kirchen in Deutschland nicht mit einer Stimme sprechen? – Ein Umstand, der allerdings nicht nur den Dialog der Kirchen miteinander, sondern auch innerhalb der jeweiligen Konfession betrifft. „Ich glaube nicht, dass „die Kirchen in Deutschland mit einer Stimme nach außen sprechen können, wenn es schon intern so viele verschiedene gibt“, so Johannes Mette.
„Innerökumenisch ist es für mein Empfinden zentral, die Abendmahlsgemeinschaft zu befördern“, betonte Ulrich Löffler, grundlegende Texte dazu lägen schon seit den 1970er Jahren vor. Ein Hindernis bislang katholischerseits: Das Amtsverständnis.

 


  

 Ökumenisches Abendgebet in St. Nikolaus 

 
 
Herzliche Einladung
 
zum ökumenischen Abendgebet
 
am 1. und 3. Mittwoch um 18.00 Uhr
 
in der Nikolauskirche