Notwendiger denn je:  Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Karlsruhe

Von Dieter Klink

„Leider ist die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit heute notwendiger denn je.“ Solange Rosenberg, eine der drei Vorsitzenden und Geschäftsführerin des Vereins in Karlsruhe, blickt  auf Jahrzehnte zurück. „Nach dem Krieg hat man die Gesellschaft gegründet,  um die deutsche Bevölkerung mit der jüdischen zusammenzubringen. Denn wenn man sich kennt, geht man anders miteinander um“, erzählt sie von den Ursprüngen.  Damals habe man gehofft, dass es den Verein irgendwann nicht mehr brauche. „Aber das Rad dreht sich zurück“, sorgt sich Rosenberg.

Der Antisemitismus kehre in Form von Israel-Kritik zurück. Rosenberg denkt betrübt an den vergangenen Europawahlkampf im Mai. Das Plakat mit der Aufschrift „Israel  ist unser Unglück“ einer rechtsextremen Partei habe sie tief verletzt. Die jüdische Gemeinde habe sich gegen die Plakate zur Wehr gesetzt, aber die Stadt habe argumentiert, das sei von der Meinungsfreiheit gedeckt. Judenhasser „suchen sich einen Weg“.  Daher hält Rosenberg die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) für wichtiger denn je. 

Juden seien schon immer in Mitteleuropa gewesen. Aus dem Jahr 321 etwa ist die erste jüdische Gemeinde in Köln urkundlich belegt. „Das war zu Zeiten von Kaiser Konstantin! Wir sind keine Dahergelaufenen. Das nehmen die Leute leider nicht wahr.“

Rosenberg stellt fest, dass das Interesse am Judentum in Deutschland nachlasse. Früher sei sie immer während der Woche der Brüderlichkeit von  Karlsruher Schulen eingeladen worden , um über das Judentum zu informieren. „Heute werde ich gar nicht mehr gebucht“, erzählt sie. Das Interesse habe sich verlagert, hin zum Islam. Sie sei nicht neidisch auf Muslime, aber: „Wenn das Interesse am Judentum nachlässt, wird es wieder Menschen geben, die  verkehrte Ideen verbreiten.“ Man wolle mit der GCJZ dafür sorgen, dass sich Menschen begegnen, sich kennenlernen. „Ich verlange nicht, dass man sich liebt. Aber es geht darum, zivilisiert miteinander umzugehen.“

Darum geht es auch Erhard Bechtold. Der stellvertretende Dekan in Karlsruhe und katholische Vorsitzender des Vereins hält die GCJZ ebenfalls für enorm wichtig. „Ich bin geprägt vom Zweiten Vatikanischen Konzil, das das Verhältnis zum Judentum auf ein neues Fundament gestellt hat“, berichtet Pfarrer Bechtold von seinen Beweggründen, in der GCJZ mitzumachen.  Der  Holocaust, der millionenfache Mord an den Juden, dürfe sich nicht wiederholen. „Es kann kein Vergessen geben. Es geht nicht um Schuld, aber um das Wachhalten der Erinnerung für eine gute Zukunft“, sagt Bechtold. 

Ulrich Schadt, evangelischer Vorstand des Vereins, bedauert, dass es kaum noch Zeitzeugen gibt, die von der Schoah berichten können. „Das Christentum basiert auf der Wurzel des Judentums. Diese biblische Grundlage ist ein Auftrag für den Dialog“, berichtet Pfarrer Schadt. 

In Karlsruhe wurde die GCJZ im Jahr 1950 gegründet, besteht also bald seit 70 Jahren. Zur gleichen Zeit kam es auch in Freiburg und Stuttgart zu Gründungen der Gesellschaft, ein paar Jahre später in Mannheim für den Rhein-Neckar-Raum.  Heute sind 83 Gesellschaften im bundesweiten Dachverband der GCJZ mit etwa 20 000 Mitgliedern zusammengeschlossen. 

Die GCJZ tritt bundeweit und auch in Karlsruhe zwei Mal im Jahr mit großen Aktionen öffentlichkeitswirksam in Erscheinung: im Frühjahr mit der Woche der Brüderlichkeit, im Herbst mit dem Gedenken rund um die Pogromnacht am 9. November. In Karlsruhe findet dazu eine Gedenkveranstaltung im Tollhaus statt, zusätzlich wird an der ehemaligen Synagoge in der Kronenstraße eine Mahnwache abgehalten, dieses Jahr bereits am 8. November.  Dafür zeichnet immer eine zuvor ausgewählte zehnte Schulklasse verantwortlich. 

Bechtold hofft, dass der ein oder andere Schüler, der die Mahnwache miterlebt hat, später zur GCJZ stößt. Diese hat in Karlsruhe knapp 200 Mitglieder, dazu gehören auch welche in Bretten, Bruchsal und Rastatt. Der Verein ist auf neue Mitglieder dringend angewiesen, weil der Mitgliederstamm der Gründegeneration Jahr für Jahr weiter altert. Bechtold ist wichtig, die Anliegen des Vereins in den katholischen Pfarrgemeinden bekannt zu machen. Für die jährlichen Aktionen schicke man Plakate an die Pfarrgemeinden. „Mir ist wichtig, dass der Pfarrer und der Pfarrgemeinderat über die Aktivitäten der GCJZ informiert sind“, sagt Bechtold. 

Neue Mitglieder, zumal jüngere, zu gewinnen, fällt dem Verein derzeit schwer. Man erklärt es sich mit der allgemeinen Trägheit, die auch anderen Vereinen Schwierigkeiten bereite. „Viele Leute scheuen sich, sich in Parteien, Kirchen oder Gewerkschaften fest zu binden. Aber wir versuchen, mit der Mahnwache besonders junge Menschen anzusprechen. Ich gehe als Religionslehrer mit meinen Schülern immer dorthin. Es ergreift sie. Oft so, wie ich es von ihnen nicht erwartet hätte.“ Auf diese Weise würden Schüler  für das Thema sensibilisiert.  In der evangelischen Kirche werde das Anliegen ebenfalls stark unterstützt.

Es hänge viel vom Engagement der Lehrer in den Schulen ab, pflichtet ihm Rosenberg bei. Dabei herrsche gerade in Karlsruhe ein sehr offenes, liberales Klima. Antisemitische Überriffe hat es hier noch nicht gegeben. „Man lässt die Leute leben wie sie sind. Das ist mustergültig“, lobt sie die Aufgeschlossenheit der Karlsruher. Auch die Stadt unternehme viel, stelle Räumlichkeiten, engagiere sich. „Die Stadt ist unser Verbündeter“, sagt Rosenberg. Die Kommune öffnet für die Woche der Brüderlichkeit im Frühjahr den Bürgersaal des Rathauses und stellt für das Gedenken am 9. November das Tollhaus zur Verfügung. Rosenberg fasst zusammen, worum es bei der Begegnung zwischen Christen und Juden geht: „Wir sitzen zusammen in einem Boot. Und wenn wir zusammen in einem Boot sitzen, dann achten wir auch aufeinander.“

www. gcjz-ka.de

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